EX-IN in der OH

Es besteht eine sachliche Haltung zu Psychopharmaka. Eine ressourcenorientierte Grundhaltung – fundiert durch Konzepte wie Empowerment und Recovery – liegt dem EX-IN-Ansatz zugrunde.

Vom zeitlichen Aufwand her scheint die EX-IN-Ausbildung zunächst relativ kurz verglichen mit anderen Ausbildungen im psychiatrischen Arbeitsfeld. Dem gegenuber steht jedoch oft eine jahrzehntelange Genesungserfahrung der EX-INler.

Diese Erfahrungen in Kombination mit der fachlich fundierten Ausbildung befähigen sie in besonderer Weise, auf seelisch leidende Meıischen einzugehen, ihre Genesungserfahrung hilfreich weiterzugeben, psychisch erkrankte Menschen alltagsnah zu begleiten, auf deren individuelle Problemlagen einzugehen und die Nutzung eigener Ressourcen zu fördern.

Die Ausbildung ist so konzipiert, dass die späteren Genesungsbegleiter beziehungsweise Dozenten dieselben Module absolvieren; im Unterricht und beim Stoff wird nicht zwischen Genesungsbegleiter und Dozenten unterschieden.

EX-IN-Absolventen können überall dort arbeiten, wo psychisch erkrankte Menschen auf verstehende Unterstützung und auf einfache praktische Hilfen angewiesen sind. Die Einsatzorte variieren aufgrund der individuellen Neigungen und Fähigkeiten der EX-INler und ihrer persönlichen Schwerpunktsetzung während der Ausbildung.

In der stationären, teilstationären und ambulanten Versorgung addiert sich das Genesungserfahrungswissen mit dem Fach- und Erfahrungswissen von traditionell ausgebildeten Mitarbeitern. Darüber hinaus können EX-IN-Absolventen auch als Peer-Berater (Beratung von Gleichen) und beziehungsweise oder als Dozenten mit Vorträgen, Workshops und Seminaren aktiv werden.

Obwohl es EX-IN schon seit fünf jahren gibt, steht man immer noch am Anfang. Die Vision ist, dass in Zukunft in nahezu jedem psychiatrischen Helferteam ein EX-INler mitarbeitet. Die Aktivisten von EX-IN und der Offenen Herberge sind davon überzeugt, dass die psychiatrische Versorgung nachhaltig und positiv bereichert wird, wenn Psychiatrie-Erfahrene mit begleiten.

Psychiatrie-Erfahrung macht einen Menschen nicht automatisch zu einem Begleiter. Aber er hat durch seine Erfahrung mit der Überwindung seelischer Krisen bei entsprechender Neigung eine Kompetenz, die nutzbringend in psychosozialer Arbeit eingesetzt werden kann. Durch die Ausweitung der Hilfemöglichkeiten innerhalb des psychiatrischen Hilfesystems wird letztendlich die Lebensqualität von psychisch erkrankten Menschen erhöht und deren Leiden ein Stück weit reduziert.

Rainer Höflacher, Jahrgang 1961, psychoseerfahren seit 1981, staatlich geprüfter Informatiker, seit 1999 ist er in der Psychiatrie-Selbsthilfe engagiert.

Er ist Geschäftsstellenleíter des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg e. V. und war Sprecher der Initiative Psychiatríe-Erfahrener in Stuttgart und stellvertretender Vorsitzender der Offenen Herberge e. V. und hat die EX-IN-Ausbildung in Baden-Württemberg gegründet.

Literatur
AMERING, M.; Sci-IMOLKE, M. (2007: Recovery, Das Ende der Unheilbarkeit. Bonn.
BUCK-ZERCHIN, D. (2010): Auf der Spur des Morgensterns – Psychose als Selbstfindung. 3. Auflage, Neumünster
KNUP, A. (2011): Basiswissen: Empowerment in der psychiatrischen Arbeit. Bonn.
UTSCHAKOWSKI, J.; SIELAFF, G.; Bock, T. (2010): Vom Erfahrenen zum Experten. Wie Peers die Psychiatrie verändern. Bonn.