Ausführl. Beschreibung
Die Ausbildung
ist eine einjährige Ausbildung für Psychiatrie-Erfahrene zum Experten[1]durch Erfahrung. Die Absolventen können im Bereich der Psychiatrie als Genesungsbegleiter oder Dozenten bezahlt arbeiten. Die Ausbildung findet in Baden-Württemberg statt, orientiert sich an dem europäischen Projekt EX-IN, dass 2005 in Bremen begann und startet im Oktober 2010 in Stuttgart. Träger von EX-IN BW ist die Offene Herberge e.V. in Stuttgart. Die Liga der freien Wohlfahrtspflege unterstützt EX-IN BW.
Der Kurs
besteht aus 11 Modulen
Basismodule (1. Semester)
- Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden
- Empowerment in Theorie und Praxis
- Erfahrung und Teilhabe
- Trialog
- Perspektiven und Erfahrungen von Genesung (recovery)
Aufbaumodule (2. Semester)
- Unabhängige Fürsprecher in der Psychiatrie
- Selbsterforschung
- Assessment
- Begleiten und unterstützen
- Krisenintervention
- Lernen und Lehren
Pro Monat wird ein Modul an drei zusammenhängenden Tagen unterrichtet. Die Ausbildung dauert ein Jahr und umfasst inklusive der Portfolioarbeit (Bestandsaufnahme und Zukunftsplanung) 300 Unterrichtsstunden. Die Ausbildung wird durch eine EX-IN-zertifizierte Psychiatrie-Fachperson und ein dreiköpfiges Team von EX-IN-zertifizierte Psychiatrie-Erfahrenen geleitet. Die Fachperson und eine Psychiatrie-Erfahrene unterrichten im Tandem. Nach dem ersten Modul des jeweiligen Semesters, entscheidet sich der Kursteilnehmer für die vertraglich verbindliche Teilnahme an den folgenden Modulen. Es werden keine Klausuren geschrieben.
Das Portfolio
ist ein wesentlicher Bestandteil der Ausbildung. Jeder Kursteilnehmer erstellt eine Bestandsaufnahme („Spurensuche“) in der Vergangenheit und Gegenwart. Vordrucke erleichtern das Sammeln privater und beruflicher Leistungen, Neigungen und Werke sowie deren Bewertung. Der Kursteilnehmer benennt im Portfolio Fähigkeiten und Perspektiven und reflektiert diese intensiv. Die Erstellung des Portfolios wird kontinuierlich von den Kursleitern begleitet und ist eine Voraussetzung für den Erhalt des EX-IN-Zertifikats. Das Portfolio ist unter anderem ein Leitfaden für das Erkennen des späteren Einsatzgebietes des EX-IN-Absolventen (Zukunftsplanung) und führt durch die dafür geleistete Reflektionsarbeit zu einer erweiterten Einsicht der Persönlichkeit.
EX-IN heißt anderes Lernen, erfahrungsgeleitetes Lernen
Wer seelische Krisen bewusst erlebt hat, kann „erfahrungsbasierte Empathie“ erlernen. Oft verfügen Teilnehmer über vieljährige Erfahrungen mit der psychiatrischen Versorgung aus Nutzersicht, jahrelanges Engagement in der Psychiatrie-Selbsthilfe und kennen zahlreiche Biografien und Störungsbilder von psychisch erkrankten Menschen. Ausgangspunkt ist daher immer die Erfahrung der Kursteilnehmer mit der Überwindung seelischer Krisen.Im ersten Schritt tauschen sich die Kursteilnehmer intensiv über ihre Genesungserfahrungen in Kleingruppen aus. Hierzu wird vom Ausbildungstandem ein thematischer und methodischer Rahmen vorgegeben. Im Plenum werden die Ergebnisse der Kleingruppen vorgestellt, diskutiert und reflektiert. Verschiedene Lebensentwürfe, Sichtweisen und Erklärungen werden gegenübergestellt. Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden benannt. Die Kursteilnehmer lernen über die eigene Erfahrung hinaus ausführlich die Perspektiven und Genesungswege anderer kennen. Um einen Blickwinkel zu vermeiden, der sich ausschließlich auf individuelle Erfahrungen, Werte und Erfahrungen beruft, wird im letzten Schritt versucht eine gemeinsame, von allen akzeptierte „EX-IN-Haltung“ zu erarbeiten, die als Richtschnur in der späteren Arbeit dienen soll.. Dies ist ein durchgängiges Prinzip der gesamten Ausbildung für die unterschiedlichsten Themen und Fragestellungen.
Die Erfahrung im Umgang mit seelischen Krisen ist also das wesentliche Potential des Lehr- und Lernprozesses und das spätere Handwerkszeug des EX-INlers. Neben der Vermittlung von Methoden und Konzepten überführt EX-IN mit Hilfe von Erfahrungsaustausch und selbsterfahrungsähnlichen Interaktionen „ICH-Wissen in WIR-Wissen“. Das heißt aus individueller Erfahrung mit psychischen Krisen wird allgemein anwendbares kollektives Erfahrungswissen.
Die Praktika
Im Rahmen der Ausbildung sind zwei Praktika mit jeweils mindestens 40 Stunden erforderlich, welche in sämtlichen Bereichen der psychiatrischen Hilfslandschaft absolviert werden können. Während der Praktika wird eine kompetente fachliche Begleitung durch einen Mitarbeiter des Trägers gewährleistet. Um ein Bewusstsein für die Rolle als EX-IN Praktikant und den damit verbundenen Konflikten entwickeln zu können, findet mit den Teilnehmern eine entsprechende Vorbereitungsarbeit statt. Im Kollegenteam ist eine EX-IN-freundliche Kultur für beide Seiten von großem Vorteil. Die Praktikumserfahrungen werden im Rahmen der Ausbildung reflektiert und bearbeitet.
Das Ausbildungsteam
Die Ausbildungsleiterin ist die Sozialpädagogin Judith Engel, die langjährige Arbeitserfahrung im Sozialpsychiatrischen Dienst und im Ambulant Betreuten Wohnen der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart hat. Zudem arbeitet sie als systemische Beraterin in freier Praxis mit. Frau Engel wird durch ein dreiköpfiges Team (Jenny Müller, Verena Holch, Maria Friedrich) aus psychiatrieerfahrenen EX-IN-Ausbilderinnen unterstützt. Frau Engel unterrichtet immer im Tandem mit einer psychiatrieerfahrenen EX-IN-Ausbilderin. Weiter wird punktuell Daniel Tutte unterrichten, der beim Arbeitskreis Offene Psychiatrie Calw e.V. als Sozialarbeiter tätig ist. Alle EX-IN BW-Ausbilder sind durch EX-IN-Bremen bzw. Hamburg geschult und zertifiziert.
Das Selbstverständnis
Der Einsatz von EX-INler ist in Baden-Württemberg innovativ. Die EX-INler sind sich dieser Tatsache bewusst und auf etwaige Rollen- und Loyalitätskonflikte vorbereitet. Dass eine innerliche Abgrenzung durch die eigene Krisenerfahrung erschwert sein kann, wird ebenfalls während der Ausbildung thematisiert. Die Kursteilnehmer werden durch EX-IN BW vom Patienten zum Experten durch Erfahrung und wollen ihre Kompetenzen zum Wohle psychisch leidender Menschen und für eine bessere psychiatrische Versorgung einsetzen. Ein wertschätzender und respektvoller Umgang mit anderen Menschen ist eine Grundhaltung von EX-INlern. Seelisch leidende Menschen werden nicht anhand ihrer psychiatrischen Diagnosen bewertet, sondern ihnen wird unvoreingenommen in ihrer gegenwärtigen Befindlichkeit und in ihrem sozialen Umfeld begegnet. EX-IN bevorzugt einen verstehenden Zugang zu den Lebensumständen der Klienten. Es besteht eine sachliche Haltung zu Psychopharmaka. Eine ressourcenorientierte Grundhaltung, fundiert durch Konzepte wie „Empowerment“ und „Recovery“ liegt dem EX-IN Ansatz zugrunde.
Der Weg
Vom zeitlichen Aufwand her scheint die EX-IN-Ausbildung zunächst relativ kurz, verglichen mit anderen Ausbildungen im psychiatrischen Arbeitsfeld. Dem gegenüber steht jedoch oft eine jahrzehntelange Genesungserfahrung des EX-INlers. Diese Erfahrungen in Kombination mit der fachlich fundierten Ausbildung befähigen die EX-IN Absolventen in besonderer Weise auf seelisch leidende Menschen einzugehen, ihre Genesungserfahrung hilfreich weiterzugeben, psychisch erkrankte Menschen alltagsnah zu begleiten, auf deren individuelle Problemlagen einzugehen und die Nutzung eigener Ressourcen zu fördern.
Die Ausbildung ist so konzipiert, dass die späteren Genesungsbegleiter und/oder Dozenten dieselben Module absolvieren, d.h. im Unterricht findet vom Stoff her keine Trennung zwischen Genesungsbegleiter und Dozenten statt.
EX-IN-Absolventen können überall dort arbeiten, wo psychisch erkrankte Menschen auf verstehende Unterstützung und auf einfache praktische Hilfen angewiesen sind. Die Einsatzorte variieren aufgrund der individuellen Neigungen und Fähigkeiten der EX-INler und ihrer persönlichen Schwerpunktsetzung während der Ausbildung. In der stationären, teilstationären und ambulanten Versorgung addiert sich das Genesungserfahrungswissen mit dem Fach- und Erfahrungswissen von traditionell ausgebildeten Mitarbeitern. Dies führt zu einem hilfreicheren und effektiveren psychiatrischen Hilfesystem.
Darüber hinaus können EX-IN-Absolventen auch als Peer-Berater („Beratung von Gleichen“, Bsp.: Offene Herberge s.u., Beratungszeiten Donnerstag und Freitag von 10:00-12:00 Uhr) und/oder Dozenten, d.h. als Gestalter von Vorträgen, Workshops und Seminaren aktiv werden.
Die Arbeitsgruppe EX-IN BW
[1] Um eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten werden wir ausschließlich das männliche Genus verwenden, wobei immer beide Geschlechter angesprochen sind.


